Aufruf

Aufruf zur BTW 2017

Solidarische Perspektiven entwickeln – jenseits von Wahlen und Populismus

Es geht ein Ruck durch die gesamte westliche Welt – ein massiver Rechtsruck. Nationalismus und Rassismus sind auf dem Vormarsch in allen westlichen Staaten und sämtlichen gesellschaftlichen Schichten. Enttäuscht vom Heilsversprechen der Globalisierung, das allen Menschen Frieden, Freiheit und Wohlstand in Aussicht stellte, aber tatsächlich nur die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander driften ließ und neue Kriege auf allen Kontinenten hervorbrachte, erhielten zeitgleich rechte Parteien und Bewegungen in den letzten zehn Jahren einen enormen Zulauf, der noch immer ungebremst anhält.
Eines ist allen rechten Bewegungen und Parteien gemein, das sie so ungemein attraktiv für viele Menschen erscheinen lässt: Sie bieten vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme. In einer digitalen, globalisierten, vernetzten, schnelllebigen Welt gebaren sie sich als letzte Instanz, die Schutz bieten kann. vor den Auswirkungen eines entfesselten kapitalistischen Wirtschaftssystem, das verantwortlich ist für Hunger, Krieg und die ökologische Zerstörung unseres Planeten. Nach der Logik der rechten Demagog_innen müssen wir uns nur zurückbesinnen auf die “guten alten Tugenden” von klassischen Familien- und Rollenbildern, eines starken homogenen Nationalstaats mit einer dem spekulativen Finanzsektor entzogenen, nach nationalen Interessen geprägten Wirtschaft und schon würde sich alles zum Besseren wenden.
Wohin solche Lösungsvorschläge in der Vergangenheit geführt haben, scheint nach und nach vergessen zu werden. Mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeug_innen des Nationalsozialismus droht auch das unvorstellbare, industriell organisierte Verbrechen an der Menschlichkeit zu verblassen. Die neue Rechte bietet somit keine Perspektive auf ein besseres Leben für alle, sie ist nur die Zuspitzung des mörderischen System Kapitalismus unter politisch autoritärer Führung, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

Wir als Anarchist_innen sehen unsere Perspektive aber nicht in der Verteidigung des bürgerlichen Nationalstaats und im Parlamentarismus. Nein, es sind genau diese Herrschaftsstrukturen, die den Aufschwung rechter Parteien wie Bewegungen und den global wütenden Kapitalismus erst ermöglichen. Es ist für uns keine Lösung alle vier Jahre die Verantwortung für unser eigenes Leben in Form eines Wahlzettels an die doch so verhassten Politiker_innen abzugeben, um sich danach über diese zu beschweren, dass sie wieder nicht ihre Wahlversprechen gehalten hätten. Diese sind zwar Teil des Problems, aber agieren auch nur innerhalb des Systems, das sich seine Legitimation über Wahlen erkauft.
Auch hat die Vergangenheit gezeigt, dass Wahlen die immer mieser werdenden sozialen Verhältnisse nicht ändern, geschweige denn abschaffen können. Für den Kapitalismus ist die parlamentarische Demokratie (mal mehr oder weniger autoritär geprägt) derzeit in vielen Ländern dessen beste Verwaltungsform. Demokratie bedeutet in erster Linie zu wählen, wer welches Stück vom Kuchen bekommt.
Deswegen stellt der Parlamentarismus keine Lösung unserer Probleme dar. Vielmehr ist er selbst Teil des Problems.Es gibt keine parlamentarische Demokratie ohne Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg, Hunger, Krise und Tod. Unsere vermeintliche Freiheit wird teuer erkauft. Dies ausblendend und eingelullt durch die ständige Wiederholung vom Märchen, es gebe keine Alternative zu dieser Form der Organisierung von Gesellschaften, akzeptiert die Mehrheit das mal mehr, mal weniger offensichtliche Unrecht und lässt sich durch Brot und Spiele ruhig stellen. Doch wir haben es satt nur die Zuschauer_innen in diesem Stück zu sein! Entweder beginnen wir jetzt solidarische Perspektiven zu etablieren und tatsächlich zu leben, oder unser endlicher Planet wird durch den auf ein vermeintlich unendliches Wachstum gegründeten Kapitalismus zu Grunde gerichtet.

Ein erster Schritt wäre es, sich nicht an den Wahlen zu beteiligen und dieser Form von Herrschaft nicht weiter Legitimation zu geben. Wir verstehen die Ängste angesichts des Erstarkens reaktionärer Kräfte weltweit und die Hoffnung, dass ein Kreuz bei einer vermeintlich emanzipatorischen Partei wenigstens noch größeres Übel verhindert. So verfestigen sich die Grundlagen von Ausbeutung, Herrschaft und Unterdrückung und bleiben auf Dauer bestehen. Die einzig radikale Alternative zu jeglicher Form von Herrschaft ist die Zerschlagung selbiger. Das mag sich utopisch anhören und weit weg erscheinen, doch können wir alle schon heute im Hier und Jetzt die ersten Steine aus diesem Fundament der Herrschaft reißen, um später auf diesen Trümmern eine Gesellschaft aufzubauen, welche die größtmögliche Freiheit aller Menschen garantiert und die Ausbeutung und Unterdrückung für immer strukturell überwunden hat.
Das fängt damit an, dass wir uns selbst bewusst werden wo wir täglich Herrschaft erfahren und reproduzieren. So nehmen wir es hin, in der Schule oder Universität darauf vorbereiten zu werden als voneinander isolierte und konkurrierende Individuen im Wettbewerb um die besten Noten möglichst effektive Zahnrädchen der Maschinerie zu sein. Wir akzeptieren es, als Lohnabhängige andere Bewerber_innen auszustechen und durch Prozesse der Selbstoptimierung unsere Arbeitskraft dem_der Chef_in feilzubieten. Wir schätzen uns glücklich einen der beschissenen Arbeitsplätze ergattert zu haben und stellen die Arbeitsbedingungen nicht in Frage um diesen nicht gleich wieder zu verlieren. In der wenigen Freizeit, die uns noch bleibt, leisten wir unentgeltlich Reproduktionsarbeit, damit wir auch morgen wieder Mehrwert für den Kapitalismus produzieren. Uns scheint es egal, dass, gestützt durch ein patriarchales System, diese Reproduktionsarbeit zum überwiegenden Teil von Frauen* erledigt wird. Damit wir auch ja nicht aus diesem System ausbrechen, überwachen wir uns mittels socialmedia selber oder ermöglichen es dem Staat noch das letzte bisschen Freiheit vor dem Hintergrund einer dauerhaften allgegenwärtigen terroristischen Bedrohung (die er selbst hervorgebracht hat) abzuschaffen.
Unser gesamtes Leben und unsere gesamte Umwelt sind durchdrungen von Herrschaftsmechanismen und wir helfen dabei mit sie jeden Tag aufs neue zu reproduzieren. Die Konsequenz daraus muss sein wo immer wir diese Mechanismen finden mit ihnen zu brechen und ihnen unsere gelebte Solidarität entgegen zustellen!

Fangen wir an unsere Mitschüler_innen oder Kommiliton_innen abschreiben zu lassen, organisieren wir Lerngruppen und Seminare die sich gegen die Einschränkung des freien Denkens richten oder organisieren wir gemeinsam Bildungsstreiks. Kämpfen wir gegen unsere Lohnabhängigkeit, bummeln wir gemeinsam mit unsern Kolleg_innen, streiken wir wild, lassen wir die Sachen, die wir zum Leben brauchen, einfach im Betrieb und im Supermarkt mitgehen, erledigen wir die Reproduktionsarbeit gemeinsam und schmeißen dabei gleichzeitig Rollenbilder und Patriarchat über Bord, indem wir uns auf Augenhöhe als Menschen begegnen und uns nicht über biologistische Zuschreibungen definieren. Fangen wir an uns Räume einfach zu nehmen, in denen wir ohne Herrschaft unsere täglichen Bedürfnisse befriedigen können, gehen wir auf unsere Nachbar_innen zu, wenn die nächste Mieterhöhung uns ins Haus flattert, und organisieren gemeinsam einen Mietstreik. Zeigen wir unsere Unversöhnlichkeit mit diesem System der Herrschaft und Ausbeutung, und greifen seine Repressions- und Sicherheitsorgane mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln an. Boykottieren wir ihre Wahlen, die niemals etwas zum Guten ändern werden.

Die Möglichkeiten alternativer solidarischer Lebensentwürfe sind jetzt schon vorhanden. Lasst uns aufeinander zugehen, uns kennenlernen und solidarisch gemeinsam handeln, um diese in die Tat umzusetzen und weiter zu verbreiten. Jede_r von uns kann seinen_ihren Teil dazu beitragen; wir müssen uns nur gemeinsam organisieren! Dafür brauchen wir keine gewählten Stellvertreter_innen. Wir wissen selbst am besten was wir wollen. Wachsen wir an unseren Fehlern und üben solidarisch Kritik aneinander. Nur fangen wir endlich damit an, bevor es zu spät ist!

Selbstorganisation statt Parlamentarismus!
Kooperation von unten statt Nationalismus!
Solidarische Perspektiven entwickeln!